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Leseprobe aus „Mord in Kur“

Die ersten sechs Kapitel und der Beginn von Kapitel sieben. Die Leseprobe endet bei einem Satz über das Wasser.

Mit Kapitel 1 beginnen

Kapitel 1 – Tag 1, Mittwoch

Die letzte Stunde ging über Landstraße, und Mara hatte aufgehört, die Ortsschilder zu lesen. Sie fuhr an Höfen vorbei, an Gräben, an einer Reihe kahler Bäume, die sich alle in dieselbe Richtung bogen, als hätten sie sich vor Jahren darauf geeinigt und seitdem nicht mehr darüber geredet.

»Mama.«

»Ja.«

»Mama.«

»Ja, Ella.«

»Ist da Meer?«

»Da ist Meer.«

»Wo?«

»Gleich.«

»Ich seh kein Meer.«

»Es kommt noch.«

»Du hast gesagt, gleich.«

Mara sah in den Rückspiegel. Ella saß in ihrem Sitz und hatte den Kopf so weit gedreht, wie der Gurt es zuließ, den Blick aus dem Seitenfenster, wo Wiesen waren, Schafe, ein Wassergraben, wieder Wiesen. Neben ihr saß Jakob, die Kapuze auf, die Stirn an der Scheibe, und tat, als schliefe er. Er schlief seit Meppen nicht mehr. Sie sah es an seinen Händen. Wenn Jakob wirklich schlief, machte er die Fäuste auf.

»Erst kommt der Deich«, sagte sie. »Der ist so hoch wie ein Haus. Und dahinter ist das Meer.«

»Warum ist das Meer hinter einem Haus?«

»Damit es nicht zu uns kommt.«

Ella dachte darüber nach. Mara sah im Spiegel, wie sie darüber nachdachte, und wusste, dass es nicht gut ausgehen würde.

»Aber wir wollen doch zum Meer.«

»Wir gehen über den Deich.«

»Und wenn das Meer über den Deich geht?«

»Das macht es nicht.«

»Aber wenn.«

Jakob machte die Augen auf. »Dann ertrinken wir alle«, sagte er, ohne die Stirn von der Scheibe zu nehmen.

»Jakob.«

»Ist doch so.«

Ella begann zu weinen. Sie weinte ungefähr vier Minuten, in denen Mara erklärte, was ein Deich ist, was Ebbe ist und dass in Ostfriesland seit sehr langer Zeit niemand mehr ertrunken sei. Sie hoffte, dass das stimmte. Jakob sagte kein Wort mehr, aber Mara sah im Spiegel, dass er Ella die Hand hinhielt, mit dem Handrücken nach oben, so wie man einem fremden Hund die Hand hinhält, und dass Ella sie nahm.

Das war er, in einem Bild. Erst der Satz, dann die Hand.

Ihr Handy klingelte, als vor ihr der Kreisverkehr auftauchte. Sebastian. Sie ließ es über die Freisprechanlage laufen und ordnete sich ein.

»Seid ihr da?«

»Zwei Minuten.«

»Ich find die Schlüssel für den Transporter nicht.«

Sie nahm die zweite Ausfahrt. Hauptstraße. »Schlüsselbrett.«

»Da sind sie nicht.«

»Küchenschublade, die mit der Schere.«

Ein Rumoren, ein Klirren. »Auch nicht.«

»Dann in der grünen Jacke von Montag. Die hängt hinten in der Werkstatt neben dem Kompressor, weil du sie da immer hinhängst, wenn du mit dem Azubi auf der Baustelle warst.«

Stille, in der jemand eine Jacke abklopfte. »Hab sie.«

»Gut.«

»Du bist gut.«

»Ich weiß.« Rechts kam eine Straße, an der ein Schild mit einem Kreuz stand und darunter, kleiner, Mutter-Kind-Kurklinik Küstenanker. Sie blinkte. »Sebastian, die Mülltonne kommt morgen raus. Die graue. Nicht die blaue.«

»Ich weiß.«

»Letztes Mal war es die blaue.«

»Mara.«

»Ich sag ja nur.«

Er lachte, und es war ein gutes Lachen, kein genervtes, und genau das machte es schwerer. Wäre er ein Idiot gewesen, hätte sie einen Grund gehabt, sauer zu sein. Er war kein Idiot. Er war ein Mann, der sie fragte, was er tun solle, und der es dann auch tat. Sie musste es ihm nur sagen. Sie musste es ihm immer nur sagen.

»Ruf an, wenn ihr im Zimmer seid«, sagte er. »Und, Mara.«

»Ja?«

»Mach mal nichts.«

»Ich mach die ganze Zeit nichts. Ich fahr.«

»Du weißt, wie ich das mein.«

»Ja«, sagte sie. »Ich weiß, wie du das meinst.«

Der Küstenanker lag am östlichen Ortsrand, wo die Straße aufhörte, eine Straße zu sein, und in Wiesen überging. Ein flacher, heller Bau mit einem Vordach, unter dem an diesem Mittwochnachmittag der Weltuntergang stattfand.

Mara reihte sich in eine Schlange aus Autos ein, die bis auf die Straße stand. Vor ihr wurden Kofferräume aufgeklappt, aus denen Koffer kamen, Bollerwagen, Kinderwagen, Reisebetten, ein Bobbycar, eine Gitarre. Kinder standen daneben und hielten Kuscheltiere fest, oder rannten, oder weinten. Zwei Frauen umarmten sich, offenbar ohne sich zu kennen. Eine dritte saß auf einem Koffer und telefonierte mit einer Hand vor dem freien Ohr.

Eine Frau in einer roten Regenjacke ging die Reihe entlang, ein Klemmbrett unterm Arm, und beugte sich zu jedem Fenster.

»Moin. Name?«

»Petersen.«

»Petersen, Petersen … Mara?«

»Ja.«

»Wunderbar.« Die Frau hakte etwas ab. »Sie laden hier vorne aus, alles, was Sie haben, direkt unters Vordach. Ihre Kinder können Sie so lange bei den Kolleginnen an der Tür lassen, die sind schon da drin und machen Kakao. Und dann bringen Sie das Auto weg.«

»Weg?«

»Hier vorne ist Mitarbeiterparkplatz. Sie fahren wieder raus auf die Hauptstraße, dann immer geradeaus durchs Dorf, über die Brücke, und ganz am anderen Ende kommt links der große Parkplatz. Da stehen die Autos von allen Müttern.« Sie sagte es freundlich, geübt und schnell, wie jemand, der diesen Satz an einem einzigen Nachmittag dreiunddreißig Mal sagt. »Zurück laufen Sie dann. Zwanzig Minuten, immer am Kurpark lang, ist gut zu gehen.«

»Zwanzig Minuten.«

»Willkommen erst mal.«

Später hätte Mara nicht mehr genau sagen können, in welcher Reihenfolge sie ausgeladen hatte. Sie wusste noch, dass sie irgendwann mit einem Koffer in jeder Hand unter dem Vordach stand, dass Ella ihr am Bein hing und sagte, sie müsse jetzt sofort Pipi, und dass eine völlig fremde Frau in einer viel zu dünnen Jacke sagte: »Ich nehm sie mit, ich muss mit meinen sowieso«, und dass Mara sagte: »Danke, das ist wirklich …«, und dass die Frau schon weg war, mit Ella an der Hand, in ein Gebäude, das Mara von innen noch nie gesehen hatte.

Sie stand da und sah der offenen Tür nach.

Ihr Kind. Vierundzwanzig Sekunden nach der Ankunft. Mit einer Frau, deren Namen sie nicht kannte.

»Die heißt Denise«, sagte Jakob neben ihr.

»Woher weißt du das?«

»Steht auf ihrem Zettel.« Er hatte die Hände in den Taschen und sah sich um, ohne den Kopf zu bewegen, nur mit den Augen, wie immer. »Die hat Zwillinge. Die sind klein. Die eine hat Ella schon ihren Stein gezeigt.«

»Was für einen Stein?«

»Weiß nicht. Ihren halt.« Er zog die Schultern hoch. »Ich geh nicht Kakao trinken.«

»Musst du auch nicht.«

»Ich komm mit zum Parkplatz.«

Sie sah ihn an. Neun Jahre alt, einen halben Kopf zu groß für seine Jacke, die Kapuze immer noch auf. Zwanzig Minuten Rückweg im Märzwind, obwohl drinnen Kakao war und ein Aufenthaltsraum und irgendwo bestimmt ein Kicker.

»Okay«, sagte sie. »Komm mit.«

Sie fuhren zurück auf die Hauptstraße und durch das ganze Dorf, an einer Fischbude vorbei, die zu hatte, an einem Fahrradverleih, der zu hatte, an einem Haus mit einem Schild Zimmer frei und einem zweiten Schild darunter, auf dem stand, dass es keine Zimmer frei gebe. Dann kam eine Brücke über ein Sieltief, das braun und breit dalag, und dahinter wurde es weiter, und dann war rechts das Ortsschild schon fast wieder zu sehen, und links kam der Parkplatz.

Er war größer, als Mara erwartet hatte, ein weites, sauber markiertes Feld mit über hundert Plätzen, auf dem auch Tagesgäste standen, Autos mit Fahrrädern auf dem Dach und Hunden hinter der Scheibe. Aber in der hinteren Reihe stand eine Ansammlung, die nicht dazugehörte. Kombis, Vans, ein Fahrradträger. Aufkleber von Zoos. Ein Sonnenschutz mit Elefanten am Rückfenster. Dreiunddreißig Frauen hatten hier heute geparkt und waren weggegangen, und drei Wochen lang würde niemand diese Autos bewegen.

Mara stellte den Motor ab. Es wurde still, so still, wie es nur in einem Auto wird, in dem eine Stunde lang jemand geweint hat.

»So«, sagte sie.

Jakob sagte nichts.

Sie stiegen aus. Der Wind kam von der Seite und war kälter, als er aussah, und er roch nach etwas, das Mara nicht sofort einordnen konnte, salzig und ein bisschen faulig. Sie schloss ab, zog einmal am Griff, ging drei Schritte, ging zurück und zog noch einmal.

Jakob sah sie an.

»Was.«

»Nichts«, sagte er.

Gleich hinter der Straße lag der Deich, ein langer grüner Wall, auf dem Schafe standen, viele Schafe, und zwischen ihnen kleine, dünne, unfassbar hässliche Lämmer, die aussahen, als wären sie erst gestern zusammengebaut worden. Dahinter war nichts mehr, nur Himmel, und der Himmel war größer, als Mara ihn in Erinnerung hatte.

»Guck mal«, sagte Jakob.

»Ich guck.«

Ihr Handy vibrierte. Sebastian.

»Seid ihr im Zimmer?«

»Wir sind auf dem Rückweg vom Parkplatz.«

»Vom was?«

»Parkplatz. Der ist am anderen Ende vom Dorf. Man parkt und läuft dann.«

»Wie weit?«

»Zwanzig Minuten.«

»Mit den Koffern?«

»Nein, die Koffer sind schon da.« Sie ging schneller, ohne es zu merken, und Jakob blieb neben ihr, ohne sich zu beschweren. »Sebastian, hör zu. Der Termin bei Frau Ahlers ist Donnerstag um halb elf. Am Kühlschrank steht Freitag, weil ich es geändert und den Zettel nicht neu gemacht hab. Also Donnerstag. Und deine Mutter kriegt die Tabletten aus der Dose, aber die Dose steht seit Sonntag oben im Schrank, weil Ella dran war, und die Rechnungen liegen in der roten Mappe, die musst du bis Freitag raushaben, sonst rutschen wir wieder in den nächsten Monat, und dann ruft Kluge an, und wenn Kluge anruft, dann …«

»Mara.«

»… dann sitze ich das nächste halbe Jahr wieder an …«

»Mama«, sagte Jakob.

Sie blieb stehen.

»Was ist?«

»Du telefonierst.«

»Ich weiß, dass ich telefoniere.«

»Die Lämmer«, sagte er und zeigte zurück zum Deich, wo eines der hässlichen kleinen Tiere gerade in einem Anfall von Lebensfreude senkrecht in die Luft sprang und beim Landen fast umfiel.

Mara sah es. In ihrem Ohr redete Sebastian von der roten Mappe.

»Ich ruf dich später an«, sagte sie und legte auf, mitten im Satz, und es fühlte sich an, als hätte sie etwas fallen lassen, das sie noch nicht abgestellt hatte.

Sie standen zwei Minuten am Zaun und sahen den Schafen zu. Zwei Minuten sind lang, wenn man sie nicht gewohnt ist.

»Die sind hässlich«, sagte Jakob.

»Total.«

»Wie kleine alte Männer.«

Mara lachte. Es kam so plötzlich, dass sie selbst erschrak.

Sie gingen auf dem Fußweg neben der Straße zurück, der Straße, die hinter dem Deich entlanglief und irgendwo weit hinten den nächsten Küstenort ansteuerte. Links der Wall mit den Schafen, rechts die ersten Häuser. Es kamen Geschäfte, eine Passage mit Schaufenstern, in denen Windjacken hingen und Bernsteinketten lagen, ein Restaurant mit Kreidetafel, auf der noch das Silvestermenü stand.

Dann die Brücke über das Benser Tief, breit genug für die Autos, mit einem Streifen für Fußgänger, und darunter braunes, langsames Wasser, das in einem Bett aus Schlick lag und aussah, als sei ihm alles egal.

Hinter der Brücke ein Zebrastreifen. Sie gingen hinüber, am Fischerhus vorbei, einem alten Gästehaus aus einer Zeit, in der man Häuser noch schmal und hoch gebaut hatte, und dahinter kam links ein Park. Von-Thünen-Kurpark.

In der Mitte lag ein Teich, größer, als Mara vermutet hätte, mit Enten darauf, die sich alle in dieselbe Ecke zurückgezogen hatten. Sie nahmen den Weg rechts herum. Kahle Sträucher, Bänke, und dann standen rechts vom Weg auf einem Stück Rasen ein paar Sportgeräte aus Edelstahl. Ein Ding mit zwei Pedalen. Ein Ding mit Griffen. Etwas, das aussah wie ein Steuerrad ohne Schiff. Alles glänzte matt im Märzlicht und wirkte wie ein Spielplatz für Erwachsene, den sich jemand ausgedacht hatte, der Erwachsene noch nie beim Spielen gesehen hatte.

Jakob blieb stehen, drehte am Steuerrad, das keins war, und ging weiter.

»Und?«, sagte Mara.

»Geht so.«

Er ging jetzt vor ihr. Er ging schneller, als er musste, und Mara wusste, was das hieß. Er wollte nicht ankommen, aber wenn schon, dann bitte zügig.

Am anderen Ende des Parks führte ein schmaler Pfad zwischen Büschen hindurch, und dann standen sie plötzlich vor einem großen Gebäude mit blauen Fenstern, dem Eingang der Therme, davor Fahrradständer und ein Automat für Schwimmbadmünzen. Ein Vater kam heraus, ein Kind an jeder Hand, alle drei mit nassen Haaren, alle drei gut gelaunt.

Sie bogen rechts ab, kamen auf eine Straße, die laut Schild Seestraße hieß, und gingen dort nach links. Auf ihrer Seite kam ein Haus mit einem Pool, über dem eine durchsichtige Haube lag, die auf Schienen zur Seite geschoben werden konnte und die vermutlich nie zur Seite geschoben wurde, und an der Toreinfahrt hing ein Schild für eine Strandbar, mit einem Sonnenuntergang darauf und der Zeile Wir freuen uns auf euch ab Ostern.

Drüben, auf der anderen Straßenseite, erst ein Haus, dann ein längeres, das ein Stück zurückstand. Davor Parkplätze, fünf, dann ein Streifen Gras mit einem Baum darauf und einem Schaukasten davor, dann noch mal vier. Drei große Fenster gingen zur Straße, und hinter allen dreien brannte Licht.

Dann drei kleinere Häuser. Dann rechts ein Pfad, so schmal, dass sie hintereinander gehen mussten, keine zwanzig Meter lang.

Mara registrierte das alles, wie man auf einem Weg alles registriert, den man zum ersten Mal geht und von dem man noch nicht weiß, wie oft man ihn noch gehen wird.

Am Ende des Pfades lagen die Wiesen, das Vordach und die letzten Autos in der Schlange.

Zimmer 214 lag im zweiten Stock, am Ende des Ganges, und hatte zwei Betten, ein Kinderbett, einen Schrank, einen Tisch, zwei Stühle und ein Fenster, aus dem man auf den Mitarbeiterparkplatz sah, auf dem drei Autos standen, auf denen Küstenanker stand.

Ella hatte den Kakao überlebt, hatte in der Zwischenzeit ein Mädchen namens Merle kennengelernt, das schon zehn sei und ein eigenes Zimmer habe, und sie rannte zweimal um das Bett herum, bevor sie sich mitten auf die Matratze fallen ließ.

»DAS IST UNSER HAUS.«

»Das ist unser Zimmer.«

»Das ist unser HAUS, Mama.«

Jakob stellte seinen Rucksack auf das obere Bett, nahm ihn wieder herunter, stellte ihn auf das untere, setzte sich daneben und sah aus dem Fenster auf die drei Autos.

An der Tür hing ein laminiertes Blatt. Hausordnung. Mara überflog es im Stehen, mit der Jacke noch an. Frühstück ab halb acht. Kinderbetreuung ab halb neun. Anwendungen ab neun. Mittagessen zwölf bis eins. Kinder abholen ab drei. Abendessen ab sechs. Die Haustür schließt um zwanzig Uhr; jede Mutter erhält einen Schlüssel. Herrenbesuch ist im Haus nicht gestattet.

Sie las den letzten Satz zweimal. Sie stellte sich vor, wie sie Sebastian davon erzählte, und was er dazu sagen würde, und dass sie beide darüber lachen würden. Dann merkte sie, dass sie ihm das nicht heute erzählen würde, sondern in drei Wochen, im Auto, auf dem Rückweg.

Drei Wochen.

Sie setzte sich auf die Bettkante. Nur kurz. Nur, um einmal durchzuatmen, bevor sie die Koffer aufmachte, die Sachen einräumte, Sebastian zurückrief, den Zettel wegen Frau Ahlers klärte, Jakob fragte, ob er wirklich nicht runter wolle, Ella auf die Toilette schickte, sich den Therapieplan ansah, der irgendwo in der Mappe steckte, die sie noch unter dem Arm hatte, und herausfand, wann und wo es Abendessen gab.

Nur kurz.

Das Nächste, was sie hörte, war Ellas Stimme, sehr nah an ihrem Gesicht.

»Mama. Mama. Es hat geklingelt. Alle gehen runter.«

Mara machte die Augen auf. Draußen war es dämmrig. Die Mappe lag noch auf ihrem Schoß, die Jacke hatte sie noch an, und im Flur hörte man Türen und Stimmen und das Trappeln von Kindern, die alle in dieselbe Richtung liefen.

»Wie lange hab ich …«

»Ganz lange«, sagte Ella zufrieden. »Jakob hat gesagt, ich soll dich schlafen lassen, weil du sonst schlechte Laune hast.«

Auf dem anderen Bett saß Jakob, immer noch in der Jacke, immer noch mit dem Rucksack neben sich, und sah sie an.

»Es gibt Abendbrot«, sagte er. »Unten links. Steht am Fahrstuhl.«

Kapitel 2 – Tag 1, Mittwochabend

Der Speisesaal war ein einziger Ton.

Mara blieb in der Tür stehen und brauchte einen Moment, um zu begreifen, was sie hörte. Es war nicht laut im Sinne von einzelnen lauten Dingen. Es war ein gleichmäßiges, dichtes Rauschen aus Stimmen, Besteck, Stühlen, Kindern, in das alle paar Sekunden ein Schrei, ein Lachen oder das Geräusch eines umfallenden Bechers stieß.

Dreiunddreißig Mütter. Sie hatte die Zahl von der Frau mit dem Klemmbrett. Wenn jede im Schnitt anderthalb Kinder dabeihatte, dann saßen hier über achtzig Menschen an langen Tischen und aßen Abendbrot, und beinahe alle waren sich seit heute Nachmittag zum ersten Mal begegnet.

»Da hinten ist noch was frei«, sagte Jakob.

Es war nicht wirklich frei. Es war ein Tisch am Fenster, an dem fünf Frauen saßen und ungefähr acht Kinder, und an dessen Ende drei Stühle standen, auf denen Jacken lagen.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren nahm die Jacken weg, ohne dass jemand etwas gesagt hatte.

»Setzt euch. Wir sind noch nicht vollständig, aber wir werden es nie sein.«

»Danke.«

»Silke.« Sie streckte die Hand über den Tisch. Ein trockener, fester Händedruck, wie von jemandem, der schon mal Zäune gespannt hat. »Das da ist Merle. Zehn. Sie sagt gleich, dass sie zehn ist.«

»Ich bin zehn«, sagte Merle.

»Siehst du.«

Ella kletterte auf den Stuhl und war innerhalb von vier Sekunden im Gespräch mit einem kleinen Mädchen, das ihr etwas Winziges in die Hand drückte.

»Das ist ein Stein«, erklärte Ella laut in die Runde.

»Das ist ein Stein«, bestätigte eine junge Frau am anderen Ende des Tisches, ohne aufzusehen. Sie hatte ein Zwillingspaar links und rechts von sich und war damit beschäftigt, gleichzeitig zwei Brote zu schmieren. »Mia sammelt die. Sie verschenkt sie an alle. Sie kriegt sie nie wieder und es ist ihr egal.«

»Ich bin Mara.«

»Denise.« Sie sah kurz hoch. »Ich bin nicht so der Kennenlerntyp, nur damit du nicht denkst, ich hab was gegen dich.«

»Alles gut.«

»Ich bin nicht zum Freundinnen-Finden hier.«

»Sondern?«

Denise sah sie an, als hätte sie mit der Frage nicht gerechnet. »Schlafen«, sagte sie dann. »Ich bin zum Schlafen hier.«

Von der Seite kam ein Geräusch, das Mara zuerst für einen Hustenanfall hielt, dann aber als Lachen identifizierte. Es gehörte zu einer Frau mit einer türkis gefärbten Strähne im Haar, die den Arm über die Stuhllehne gelegt hatte und den ganzen Tisch gleichzeitig ansah.

»Zum Schlafen«, wiederholte sie. »Süß. Süüüß. Du hast Dreijährige. Sag das noch mal in zwei Wochen.« Sie beugte sich zu Mara vor. »Nina. Der Kleine da drüben, der gerade seine Wurst in den Tee tunkt, ist Leon. Er ist sechs und er tunkt alles in alles. Wir haben aufgehört, dagegen anzukämpfen.«

»Mara.«

»Woher?«

»Münsterland.«

»Weit.«

»Knapp drei Stunden. Mit Pause dreieinhalb.«

»Mit Kindern?«

»Mit Kindern.«

»Respekt«, sagte Nina, hob ihren Becher und trank ihn auf Mara leer wie ein Bier.

Die vierte Frau am Tisch hatte bis dahin nichts gesagt. Sie war schmal, unauffällig angezogen, mit einem hellen Zopf, und saß so, dass sie die Tür im Blick hatte. Neben ihr saß ein Junge in Jakobs Alter, vielleicht ein bisschen jünger, der sich mit großer Ernsthaftigkeit ein Marmeladenbrot baute.

»Jule«, sagte sie, als Maras Blick sie erreichte. »Und Matti.«

»Ich bin sieben«, sagte Matti.

»Jakob«, sagte Jakob. »Neun.«

Die beiden sahen sich an, prüften irgendetwas, das für Mütter nicht sichtbar ist, und offenbar fiel das Ergebnis positiv aus, denn Matti schob Jakob wortlos die Marmelade hin.

Die fünfte Frau kam mit einem Tablett zurück, auf dem alles so geordnet war, dass Mara unwillkürlich hinsah. Zwei Teller, exakt belegt. Ein Becher Milch, ein Becher Wasser. Eine Serviette, gefaltet. Sie stellte es ab, verteilte, setzte sich und schob ihrem Sohn einen Apfel hin, der bereits geschnitten war, offenbar von zu Hause mitgebracht, in einer Dose mit Deckel.

»Bettina«, sagte sie. »Das ist Konstantin.«

Konstantin war neun und sah Jakob an, wie neunjährige Jungs sich ansehen, wenn sie sofort wissen, dass das eine längere Geschichte wird.

»Petersen«, sagte Mara. »Also Mara.«

»Ich weiß«, sagte Bettina freundlich. »Ich hab die Liste am Schwarzen Brett gelesen. Ihr seid im Zweihundertvierzehner, oder? Wir sind eins weiter.«

Silke sah kurz von ihrem Brot auf. »Du hast die Liste gelesen.«

»Da hängt eine Liste.«

»Ja.« Silke kaute. »Ich hab sie auch gelesen.«

Es dauerte ungefähr zwanzig Minuten, bis Mara begriff, dass sie an diesem Tisch bleiben würde. Niemand sagte es. Niemand fragte. Es war einfach so, dass man sich in einem Speisesaal mit achtzig Menschen einen Ort sucht, an dem der Lärm eine Form hat, und wenn man ihn gefunden hat, geht man am nächsten Morgen wieder dorthin, und am übernächsten sitzt man dort, als hätte man immer dort gesessen.

Sie schmierte Ella ein Brot. Dann schob sie Ella den Becher hin. Dann sah sie, dass Leons Becher leer war, und füllte ihn, ohne darüber nachzudenken, und stellte ihn zurück, und zog ihm dabei den Ärmel aus der Marmelade.

Silke sah ihr zu.

»Was?«, sagte Mara.

»Nichts.« Silke nahm einen Schluck Tee. »Wie lange bist du hier?«

»Drei Wochen. Wie alle.«

»Nein, ich mein, wie lange schon.«

»Seit heute.«

»Genau«, sagte Silke. »Seit heute.« Sie stellte den Becher ab. »Du hast das Kind einer fremden Frau nachgeschenkt und ihm den Ärmel aus der Marmelade gezogen, und du kennst sie seit einer halben Stunde.«

»Er hätte gekleckert.«

»Ja«, sagte Silke. »Hätte er.«

Nina lachte wieder ihr Hustenlachen. »Lass sie doch. Ich find das super. Mara, du kannst den ganzen Tisch nachschenken, ich beschwer mich nicht.«

»Ich glaube, das ist ihr Problem, nicht ihre Stärke«, sagte Bettina.

Es wurde kurz still, so still, wie es an einem Tisch mit acht Kindern werden kann, was heißt: es wurde etwas leiser.

»Das war nicht gemein gemeint«, sagte Bettina.

»Weiß ich«, sagte Mara.

»Es ist bloß, was die hier alle sagen. Die vom Haus. Steht auch in dem Heft, das man kriegt. Abgrenzung.« Bettina sprach das Wort aus, als wäre es eine Vokabel. »Ich hab das Heft im Zug gelesen.«

»Ich hab es weggeworfen«, sagte Denise.

»Ich hab es unterstrichen«, sagte Bettina.

»Ich hab es sortiert«, sagte Silke, und schob eine Klarsichthülle über den Tisch, in der ein Therapieplan steckte, ein Ortsplan, ein ausgedruckter Gezeitenkalender und drei Zettel, deren Zweck Mara nicht erkennen konnte. »Ich weiß auch, wann Ebbe ist.«

»Warum?«, sagte Nina.

»Weil ich es wissen will.«

»Aber warum.«

»Weil man dann weiß, wann das Wasser da ist«, sagte Silke, als sei das die Antwort auf jede Frage, die je gestellt worden war, und in gewisser Weise war es das auch.

Später, als der Nachtisch kam und die Kinder anfingen, um den Tisch herum zu rennen statt an ihm zu sitzen, kam die Sprache auf die Zimmer.

»Wir haben zwei«, sagte Jule.

Es kam ganz beiläufig, fast entschuldigend, und der Effekt war trotzdem der einer kleinen Explosion.

»Zwei was?«, sagte Nina.

»Zwei Zimmer. Also, ein Appartement. Mit einer Tür dazwischen.«

»Eine Tür

»Ich hab nichts gemacht«, sagte Jule schnell. »Das war einfach so eingeteilt.«

»Sie hat nichts gemacht, sagt sie«, sagte Nina in die Runde. »Sie kommt hier an, kriegt eine Tür, und sagt, sie hat nichts gemacht.«

»Wo liegt das?«, fragte Bettina, und man hörte, dass sie es sich aufschrieb, auch wenn sie nichts in der Hand hatte.

»Ganz hinten am Gang. Bei der kleinen Treppe.«

»Bei der Nebentreppe.«

»Ich glaube, ja.«

»Also ganz allein am Ende, mit Tür und eigener Treppe«, sagte Nina langsam. »Weißt du, wie das heißt? Das heißt Glückslos. Du hast das Glückslos gezogen. Merk dir das Wort, das wirst du die nächsten drei Wochen noch hören.«

Jule lächelte, wie man lächelt, wenn man lieber möchte, dass ein Thema vorbeigeht.

Silke stand auf, hielt ihr Handy hoch und sagte: »So. Bevor wir alle vergessen, wie wir am ersten Abend ausgesehen haben.«

Alle rückten zusammen, wie man das eben tut. Nina zog Leon auf den Schoß, Denise stellte einen Zwilling auf den Stuhl, Bettina strich Konstantin die Haare glatt, Mara griff nach Ella und bekam nur die Kapuze zu fassen.

»Kann jemand …«, sagte Jule, stand auf und ging um den Tisch herum. »Ich mach das mal. Ich bin sowieso die Größte.«

»Du bist nicht die Größte«, sagte Silke.

»Aber ich halte es besser.« Sie nahm Silke das Handy aus der Hand, ging drei Schritte zurück und fotografierte. »Noch mal. Bettina hat geblinzelt.«

»Ich hab nicht geblinzelt.«

»Doch, ein bisschen.«

Sie fotografierte noch zweimal, gab das Handy zurück, setzte sich wieder und war damit auf keinem der drei Bilder. Es fiel niemandem auf. Warum auch.

Um kurz nach acht war Ella am Ende. Nicht müde, sondern am Ende, was bei Vierjährigen zwei völlig verschiedene Zustände sind. Mara sammelte Jacken ein, verabschiedete sich in vier Richtungen gleichzeitig und lotste ihre Kinder in den Flur.

Vor dem Fahrstuhl war eine große Glastür zur Vorfahrt, und dahinter war es jetzt richtig dunkel. Man sah den Schein einer Lampe auf dem Asphalt, die Schlange von Autos war weg, und irgendwo dahinter fing der Weg an, den sie am Nachmittag gekommen war.

Ella blieb stehen, als hätte sie jemand angehalten.

»MAMA.«

»Ella, nicht so laut.«

»Da war ein HUND.«

»Wo?«

»Da!« Ella zeigte auf die Tür, auf die Dunkelheit, auf alles. »Ein ganz großer. Er ist da langgegangen. Mit einem Mann.«

Mara ging zwei Schritte zur Tür und legte die Hand über die Augen, um die Spiegelung wegzubekommen. Sie sah den Lichtkegel, ein Stück Straße, eine Hecke. Sonst nichts.

»Ich glaub, der ist weg, Mäuschen.«

»Er war da.«

»Ich glaub dir ja.«

»Er war GROSS.«

»Bestimmt.« Mara drückte den Fahrstuhlknopf. »Morgen sehen wir vielleicht wieder einen.«

»Den?«

»Vielleicht den.«

Ella war zufrieden. Jakob sagte nichts, aber als der Fahrstuhl kam, sah er noch einmal zur Glastür zurück, kurz, wie er alles machte.

Oben im Zimmer, als beide Kinder lagen und Ella nach vier Minuten weg war und Jakob so tat, als wäre er es auch, setzte Mara sich auf die Bettkante und nahm ihr Handy in die Hand.

Vierzehn Nachrichten. Zwei entgangene Anrufe. Der letzte um 18:12.

Alles ok bei euch?

Sag mal Bescheid wenn ihr im Zimmer seid

Mülltonne ist raus. Die graue.

Mara?

Sie schrieb: Alles gut. Bin eingeschlafen. Erzähl morgen.

Dann sah sie auf die Uhr. Zwanzig nach neun. Zu Hause würde sie jetzt noch die Spülmaschine ausräumen, den Brotdosen hinterhergehen, die Wäsche umlegen und irgendwann gegen halb zwölf feststellen, dass sie den ganzen Tag nichts getrunken hatte.

Hier gab es keine Spülmaschine.

Sie saß eine Weile da und wusste nicht, was sie mit den Händen machen sollte.

Kapitel 3 – Tag 2, Donnerstag

Um halb neun stand Mara mit zweiundzwanzig anderen Müttern in einem Flur und gab ihre Kinder ab.

Es hieß nicht so. Es hieß Kinderbetreuung, und es gab drei Gruppen, aufgeteilt nach Alter, mit Namen, die auf laminierten Fischen an den Türen standen. Ella kam zu den Krabben. Jakob kam zu den Seehunden, was er sofort als Zumutung erkannte, weil er neun war und Seehunde eindeutig ein Name für Babys sind.

»Die Großen heißen Seehunde«, sagte eine junge Erzieherin, die sich als Neele vorstellte und ungefähr fünfundzwanzig war. »Ich weiß, das ergibt keinen Sinn. Die Krabben sind die Kleinen. Frag nicht mich, das war so, als ich hier angefangen hab.«

»Wer hat sich das ausgedacht?«, fragte Jakob.

»Keine Ahnung. Willst du es ändern?«

Jakob überlegte tatsächlich. »Nein«, sagte er dann.

»Gut. Komm rein.«

Ella war schon weg. Ella war weg gewesen, bevor Mara überhaupt in die Hocke gegangen war, um sich zu verabschieden, sie hatte Mia und Lina entdeckt und war einfach gegangen, ohne sich umzudrehen, und Mara blieb in der Hocke sitzen, mit ausgestreckten Armen, in die niemand hineinlief.

»Das machen die alle so«, sagte Neele freundlich. »Die Kleinen. Die Großen brauchen länger.«

Jakob stand noch da.

»Soll ich mitkommen?«, fragte Mara.

»Nein.«

»Ich kann kurz mit reingehen.«

»Nein«, sagte Jakob, und ging.

Auf dem Weg zum Arztzimmer merkte sie, dass sie schneller ging, als sie musste, und dass sie nichts in den Händen hatte. Keine Tasche, kein Kind, keine Brotdose. Nur den Zettel mit ihrer Uhrzeit darauf.

Es war das erste Mal seit ungefähr neun Jahren, dass sie einen Flur entlangging, ohne dass jemand mitkam.

Es fühlte sich nicht gut an. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas vergessen.

Dr. Meinders war Mitte fünfzig, hatte eine Lesebrille an einer Kette und einen Blutdruckmesser, der aussah, als hätte sie ihn selbst mitgebracht. Auf dem Schreibtisch stand eine Tasse mit dem Aufdruck einer Pharmafirma, die es vermutlich nicht mehr gab.

»Petersen. Setzen Sie sich. Ärmel hoch, links.«

Sie maß, sah auf die Anzeige, maß noch mal.

»Hundertfünfundvierzig zu neunzig.«

»Das ist nur, weil ich gerannt bin.«

»Sie sind nicht gerannt, Sie sind zu früh gekommen und haben acht Minuten im Flur gesessen.« Dr. Meinders nahm die Manschette ab. »Wir messen das nächste Woche noch mal. Wenn es dann immer noch so ist, reden wir drüber.«

Sie ging die Unterlagen durch. Der Hausarzt hatte geschrieben, was Hausärzte schreiben: Erschöpfungszustand, rezidivierende Lumbalgien, Ein- und Durchschlafstörungen. Mara sah die Wörter auf dem Kopf stehend und dachte, dass sie deutlich schlimmer aussahen, als sie sich anfühlten.

»Rücken«, sagte Dr. Meinders. »Seit wann?«

»Weiß nicht. Länger.«

»Länger als ein Jahr?«

»Ja.«

»Länger als drei?«

Mara überlegte. »Wahrscheinlich.«

»Wann waren Sie damit zuletzt bei jemandem?«

»Voriges Jahr. Also. Ich hatte einen Termin. Ich bin nicht hin.«

»Warum nicht?«

»Weil an dem Tag die Schule angerufen hat.«

Dr. Meinders schrieb etwas auf, ohne das Gesicht zu verziehen. »Schlaf.«

»Geht.«

»Wie viele Stunden?«

»Kommt drauf an.«

»Ungefähr.«

»Sechs. Fünf.«

»Wachen Sie auf oder schlafen Sie nicht ein?«

»Ich wache auf und dann fällt mir was ein.«

»Was denn?«

»Alles«, sagte Mara. »Also, nichts Schlimmes. Termine. Was ich vergessen hab. Ob der Anhänger noch angemeldet ist.«

»Ist er?«

»Ja.«

»Sehen Sie.« Dr. Meinders klappte den Ordner halb zu, sah über die Brille und stellte dann die Frage, an die Mara sich noch drei Wochen später erinnern würde, weil sie so klang, als wäre sie rein organisatorisch gemeint.

»Wer vertritt Sie eigentlich zu Hause?«

»Wie, vertritt?«

»Sie sind jetzt drei Wochen weg. Wer macht das, was Sie sonst machen?«

»Mein Mann.«

»Alles?«

»Ja. Also.« Mara hörte sich reden. »Er macht das, was ich ihm sage. Ich hab eine Liste gemacht. Zwei Seiten. Und deine Mutter, also seine Mutter, die wohnt drei Häuser weiter, die hilft, aber die muss man auch organisieren, und der Betrieb läuft ja weiter, die Rechnungen mache ich, und der Steuerberater ruft immer freitags an, und ich hab ihm alles hingelegt, in einer roten Mappe, aber er wird sie nicht finden, weil rote Mappe für ihn nur ein Wort ist und keine Farbe, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Dr. Meinders schrieb nichts auf.

»Ich frage noch mal«, sagte sie. »Wer vertritt Sie?«

Mara machte den Mund auf und wieder zu.

»Niemand«, sagte sie.

»Ja«, sagte Dr. Meinders, und dann, ganz sachlich, während sie schon nach dem Stethoskop griff: »Sie sind nicht unersetzlich, Frau Petersen. Sie sind bloß völlig ungeübt darin, ersetzt zu werden. Das ist etwas anderes und es ist gut behandelbar. Tief einatmen.«

Frauka Janssen hatte ein Büro im Erdgeschoss mit einem Fenster zu den Wiesen, einem Sofa, das schon viel erlebt hatte, und einem Wasserkocher, der lief, als Mara hereinkam.

»Moin. Setzen Sie sich. Tee?«

»Muss nicht.«

»Muss nicht, aber gibt es.« Frauka stellte zwei Tassen hin, legte in jede einen Kluntje und goss auf. Es knackte. »Sahne?«

»Ja. Danke.«

»Nicht umrühren.«

»Wieso nicht?«

»Weil es dann kaputt ist«, sagte Frauka, als hätte Mara gefragt, warum man ein Ei nicht in der Schale brät.

Sie war um die fünfzig, hatte kurzes, kräftiges Haar und diese Art, sich hinzusetzen, die signalisiert, dass sie die nächste halbe Stunde nirgendwo anders hinmuss. Mara hatte solche Menschen selten getroffen. Bei ihr zu Hause hatten alle immer gleichzeitig noch etwas anderes vor.

»So«, sagte Frauka. »Sie sind in meiner Gruppe. Wir sind drei Sozialarbeiterinnen im Haus, jede hat ihre Frauen, das sind bei mir elf. Wir sehen uns in der Gruppe, und wir sehen uns einzeln. Zwei Einzelgespräche sind fest eingeplant, und wenn Sie mehr brauchen, kriegen Sie mehr. Morgen früh ist die erste Runde, halb zehn, Gruppenraum zwei.«

»Was passiert da?«

»Wir lernen uns kennen.«

»Und dann?«

»Und dann lernen wir uns kennen«, sagte Frauka. »Es ist keine Prüfung, Frau Petersen. Ich stelle eine Frage und wer will, antwortet.«

»Und die Psychologin?«

»Die gibt es auch. Die kriegen Sie, wenn wir beide finden, dass das sinnvoll ist.« Frauka sagte es, als wäre es eine ganz normale Arbeitsteilung, und vermutlich war es das auch. »Das meiste läuft über uns. Ich mach auch Yoga, dienstags, falls Sie mögen. Meine Kollegin macht Entspannung und hält nächste Woche einen Vortrag über bedürfnisorientierte Erziehung, da gehen alle hin und danach diskutieren sie drei Tage lang beim Essen.«

»Ich mag Stuhlkreise nicht.«

»Das sagen alle. Meistens die, die am Ende am wenigsten aufhören zu reden.« Frauka trank einen Schluck. »Was wollen Sie hier eigentlich erreichen? Ihr Antrag sagt Erschöpfung, Rücken, Schlaf. Das sagt der Antrag immer. Was sagen Sie?«

Mara sah in ihre Tasse, in der die Sahne als Wölkchen nach oben zog.

»Ich weiß es nicht.«

»Das ist eine ehrliche Antwort.«

»Ist es die falsche?«

»Es gibt hier keine falschen Antworten, das wäre ja auch albern.« Frauka lehnte sich zurück. »Aber ich sag Ihnen mal, was mir aufgefallen ist. Sie sind seit gestern Nachmittag hier. Sie haben gestern Abend am Tisch gesessen und, ich hab es zufällig gesehen, weil ich hinten stand, Sie haben in einer halben Stunde vier Kinder versorgt, und kein einziges hatte Sie darum gebeten.«

Mara wurde warm im Gesicht. »Ich hab bloß nachgeschenkt.«

»Ja.«

»Das ist doch keine …«

»Nein, das ist keine Krankheit. Das ist nett.« Frauka nickte. »Und Sie haben in derselben halben Stunde nichts gegessen. Ihr Teller stand da, als der Speisesaal leer war. Meine Kollegin hat ihn abgeräumt.«

Es war still. Draußen ging jemand mit einem Rasenmäher vorbei, ohne ihn anzuwerfen.

»Ich sag das nicht, um Sie zu ärgern«, sagte Frauka. »Ich sag das, weil Sie mich gefragt haben, was Sie hier erreichen wollen, und weil ich glaube, dass Sie es schon wissen und es bloß noch nicht laut gesagt haben. Das braucht bei den meisten ungefähr zehn Tage. Bei manchen dauert es die vollen drei Wochen. Ist beides in Ordnung.«

Sie schob ein Blatt über den Tisch.

»Ihr Plan.«

Mara nahm ihn. Rückenschule montags und freitags. Dienstag Kreativ. Nordic Walking zweimal die Woche. Aquafit in der Therme. Progressive Muskelentspannung. Yoga, wenn sie wollte. Gruppe montags und donnerstags, Einzelgespräch in Woche eins und Woche drei. Und Lücken. Erschreckend viele Lücken.

»Da ist Dienstagnachmittag nichts.«

»Genau.«

»Und Freitagnachmittag auch nicht.«

»Genau.«

»Was mach ich da?«

Frauka lachte, ein kurzes, herzliches Lachen. »Frau Petersen, das ist die beste Frage, die ich diese Woche gehört habe.«

Mara telefonierte danach im Flur, weil im Zimmer kein Empfang war und weil alle im Flur telefonierten. Sie stand an einem Fenster zwischen zwei Frauen, die sie noch nicht kannte, und eine davon weinte leise und sachlich weiter, während sie sagte, dass alles gut sei.

Sebastian ging beim zweiten Klingeln ran.

»Endlich.«

»Ich weiß. Tut mir leid. Ich bin gestern eingeschlafen, im Sitzen, mit Jacke.«

»Im Ernst?«

»Ella hat mich geweckt. Sie hat gesagt, Jakob hat gesagt, sie soll mich schlafen lassen, weil ich sonst schlechte Laune hab.«

Sebastian lachte. Dann sagte er: »Und? Wie ist es?«

Mara sah aus dem Fenster. Wiesen, ein Streifen Deich, darüber ein Himmel, in dem drei Wolkenarten gleichzeitig vorkamen.

»Laut«, sagte sie. »Und die Ärztin hat mich gefragt, wer mich zu Hause vertritt.«

»Was hast du gesagt?«

»Erst hab ich vier Minuten geredet. Dann hab ich gesagt, niemand.«

Am anderen Ende blieb es kurz still.

»Das stimmt ja nicht«, sagte Sebastian.

»Sebastian.«

»Ich mach das doch alles.«

»Du machst das, was ich aufgeschrieben hab.«

»Ist doch dasselbe.«

»Nein«, sagte Mara, und sie hörte selbst, dass es schärfer klang, als sie wollte, und legte trotzdem nach. »Nein, das ist nicht dasselbe.«

»Okay«, sagte er langsam. »Okay. Dann. Was soll ich anders machen?«

Mara stand am Fenster und hatte keine Antwort, weil die einzige, die passte, lautete: Frag mich das nicht. Und weil sie genau wusste, wie ungerecht dieser Satz gewesen wäre, gegenüber einem Mann, der um Viertel nach sechs die Mülltonne rausgestellt und ihr das per Nachricht mitgeteilt hatte.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Ich soll das hier rausfinden. Steht so im Heft.«

»Dann finde es raus.«

»Ja.«

»Und Mara.«

»Ja?«

»Iss was.«

Sie sah auf den Therapieplan in ihrer Hand, auf die Lücken darin, und dachte, dass sie hier offenbar von mehreren Seiten gleichzeitig beobachtet wurde, und dass es sie weniger störte, als sie erwartet hätte.

»Der Nachmittag gehört den Kindern«, sagte sie. »Wir gehen ins Dorf.«

Kapitel 4 – Tag 2, Donnerstagnachmittag

»Wir kommen mit«, sagte Nina, als sie hörte, dass Mara ins Dorf wollte. Es war keine Frage. Sie stand schon in der Jacke.

Sie gingen zu fünft, weil Leon mitkam und weil Ella sofort beschlossen hatte, dass Leon jetzt zu ihnen gehörte. Jakob ging hinter allen und hatte etwas an sich, das Mara kannte und nicht mochte.

»Alles gut?«

»Ja.«

»Sicher?«

»Ja.«

Der Pfad neben der Klinik war so schmal, dass sie hintereinander gehen mussten, und dann standen sie auf der Seestraße, und Nina bog nach links ab, als wäre sie hier geboren.

»Woher weißt du, wo es langgeht?«

»Ich hab gefragt«, sagte Nina. »Ich frag immer. Die Frau von der Rezeption hat gesagt, alles ist links. Der Strand ist links, das Dorf ist links, die Therme ist links. Rechts ist nur noch Feld und dann Dänemark.«

»Dänemark liegt nicht da.«

»Sie hat es aber so gesagt.«

Es war einer dieser Märznachmittage, an denen die Sonne da ist, ohne zu wärmen. Der Wind kam schräg von der Seite und roch nach Wasser. Auf der linken Seite kamen drei Häuser, Klinkerhäuser mit sauberen Vorgärten, in denen es noch nichts zu sehen gab außer der Idee von Vorgarten.

Nina redete. Sie redete über die Anreise, über den Bus, den sie fast verpasst hätten, über Leons Lehrerin, und dann, ohne die Tonlage zu wechseln, sagte sie:

»Mein Ex hat übrigens angerufen. Zweimal. Ich bin nicht rangegangen.«

»Muss man ja auch nicht.«

»Doch, muss man. Bei uns muss man. Wenn ich nicht rangehe, steht am nächsten Tag in irgendeinem Schriftsatz, dass ich den Kontakt zum Vater erschwere.« Sie sagte Schriftsatz mit der Betonung von jemandem, der das Wort zu oft gehört hat. »Das ist so ein Spiel. Ich bin nur nicht so gut darin wie er.«

»Wie lange geht das schon?«

»Trennung ist seit vierzehn Monaten. Der Rest seit zwölf.« Nina lachte kurz. »Klingt schlimm, ne? Ist aber okay. Marcel ist kein Monster, der schlägt nicht und der säuft nicht, das wäre alles viel einfacher. Marcel ist Vertriebler. Landmaschinen. Der kann Leute.«

»Also charmant.«

»Alle mögen ihn«, sagte Nina. »Meine eigene Mutter mag ihn. Die ruft ihn an, wenn sie was am Auto hat.«

»Ernsthaft?«

»Ernsthaft.« Sie schob die Hände in die Jackentaschen. »Und ich bin die, die schreit. Ich hab in vierzehn Monaten zweimal geschrien und beide Male hat er es aufgenommen.«

Vor ihnen liefen Ella und Leon über den Bürgersteig und zählten irgendetwas, was nur sie zählen konnten.

»Deswegen bin ich hier«, sagte Nina, jetzt leiser. »Also, offiziell wegen Erschöpfung. In Wahrheit, weil Leon seit Weihnachten wieder ins Bett macht und ich nachts wach liege und mir Sätze zurechtlege, die ich am nächsten Tag nicht sage.«

Mara wusste nicht, was man darauf antwortet, also sagte sie das Einzige, was ihr wahr vorkam.

»Ich leg mir auch Sätze zurecht.«

»Für wen?«

»Für alle«, sagte Mara. »Für die Schule, für meine Schwiegermutter, für den Steuerberater.«

»Für deinen Mann?«

»Für meinen Mann leg ich mir keine zurecht.« Sie überlegte. »Ich sag ihm einfach, was er machen soll.«

»Das«, sagte Nina, »ist der Grund, warum du eine Liste geschrieben hast und ich einen Anwalt habe.«

Am Haus mit dem Pool blieb Leon stehen und drückte das Gesicht ans Tor.

»Warum ist da ein Dach drauf?«

»Damit keine Blätter reinfallen«, sagte Nina.

»Und wie kommt man dann rein?«

»Man schiebt es weg.«

»Und wo ist der Mann, der es wegschiebt?«

»Der ist im Winter woanders«, sagte Nina, und zu Mara: »Er fragt seit Weihnachten alles dreimal. Der Anwalt sagt, das ist normal. Der Anwalt sagt viel.«

Auf ihrer Seite lag jetzt ein längeres Haus, ein Stück von der Straße zurückgesetzt, mit Parkplätzen davor. Fünf, dann ein Streifen Gras mit einem Baum, dann noch mal vier. Auf zwei der Plätze standen Autos. Vor dem Baum stand ein Kasten mit Glasscheibe, in dem Fotos hingen.

Jakob blieb stehen.

Er blieb einfach stehen, wie er das machte, ohne anzukündigen, dass er stehen bleiben würde, und Mara stieß fast in ihn hinein.

»Was ist?«

»Da sind Karten.«

An dem Kasten, unten rechts, war ein kleiner Halter aus Plastik, und darin steckten Visitenkarten. Haus Vier Nordlichter. Vier Ferienwohnungen. Hunde willkommen. Darüber, hinter Glas, vier Fotos von vier Wohnungen mit vier gemachten Betten.

Jakob zog eine Karte heraus und steckte sie ein.

»Jakob.«

»Die sind zum Mitnehmen.«

»Wozu brauchst du die?«

»Weiß nicht«, sagte er, und das war die Wahrheit, und Mara wusste es, weil in der Schublade seines Nachttischs zu Hause zweiundvierzig Fahrkarten lagen, drei Kassenbons vom Freibad und die Papierbanderole einer Rolle Zwanzig-Cent-Stücke.

Sie sah kurz an dem Haus hoch. Der vordere Teil hatte drei große Fenster zur Straße, breiter als normale Fenster, fast wie ein Ladengeschäft, und die Gardinen dahinter waren zugezogen, aber nicht ganz. In einem der Fenster stand eine Lampe, die brannte, obwohl es hell war.

»Komm«, sagte sie.

Der Hund kam um die Ecke des Hauses, bevor der Mann kam.

Er war groß, braun-weiß gefleckt, mit langen Ohren und diesem freundlich-dämlichen Gesichtsausdruck, den manche Hunde haben und den man einfach mögen muss, und er hatte Ella entdeckt, ungefähr in derselben Sekunde, in der Ella ihn entdeckt hatte.

»DER HUND«, brüllte Ella. »MAMA. DER HUND VON GESTERN.«

»Ella, warte …«

Sie wartete nicht.

»Sammy«, sagte eine Männerstimme, ruhig, ohne Schärfe, und der Hund blieb sofort stehen, drei Meter vor Ella, und setzte sich hin, als wäre das seine eigene Idee gewesen.

Der Mann kam hinter dem Hund her und wickelte im Gehen die Leine auf. Um die fünfzig, kompakt, kurze graue Haare, eine dunkelgrüne Jacke, die aussah, als sei sie für schlechteres Wetter gemacht als dieses.

»Der tut nichts«, sagte er. »Aber er hört auch nur, wenn ich streng gucke.«

»Darf ich ihn streicheln?«, fragte Ella.

Der Mann sah Mara an und wartete, bis sie nickte.

»Wenn du ihn erst mal riechen lässt«, sagte er. »Hand flach. Nicht auf den Kopf, das mag keiner. Am Hals ist besser.«

Ella machte es genau so. Der Hund ließ es geschehen und begann dann, methodisch Ellas Ärmel abzuschnüffeln.

»Er heißt Sammy?«, fragte Leon.

»Sammy.«

»Wie alt?«

»Sieben. Das sind ungefähr fünfzig in Menschenjahren.«

Leon fand das großartig.

»Ist der Ihrer?«, fragte Jakob.

»Meiner.« Der Mann sah Jakob an, ganz kurz, mit einem Interesse, das Mara später nicht mehr genau rekonstruieren konnte, weil es in dem Moment einfach höflich wirkte. »Warum?«

»Weil Sie eine Leine haben, aber er nicht dranhängt.«

Der Mann lachte. »Guter Punkt. Er hängt dran, wenn Autos kommen. Hier kommen selten welche.«

»Sind Sie im Urlaub?«, fragte Nina.

»So halb. Ich hab hinten die Wohnung.« Er nickte zum Haus, ohne hinzusehen. »Ein paar Wochen. Nebensaison ist besser für ihn, da kann er überall laufen. Im Sommer geht das nicht.«

»Klingt vernünftig«, sagte Nina.

»Ist es auch. Ich bin gern vernünftig.« Er sagte es mit einer kleinen Selbstironie, die angenehm war. »Und Sie? Ferien?«

»Kur«, sagte Nina. »Da oben.« Sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter, ungefähr in die Richtung, in der die Klinik lag.

»Ah. Die Mütter.« Er nickte, als kenne er das. »Ich hab hier schon ein paar gesehen. Ihr lauft alle hier lang, ne?«

»Wir müssen ja«, sagte Nina. »Alles ist links.«

»Alles ist links«, wiederholte er, und lachte. »Stimmt sogar. Wie lange sind Sie da?«

»Drei Wochen.«

»Zusammen?«

»Alle zusammen«, sagte Nina. »Dreiunddreißig Frauen. Man gewöhnt sich dran.«

»Das glaub ich sofort.« Er zog die Leine ein Stück durch die Hand. »Na, dann sieht man sich ja. Sammy.«

Der Hund stand auf.

»Tschüss, Sammy«, sagte Ella andächtig.

»Der freut sich«, sagte der Mann. »Der freut sich über jeden. Das ist sein einziger Charakterfehler.«

Dann ging er, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und der Hund lief neben ihm, ohne Leine, und wandte einmal den Kopf.

»Netter Typ«, sagte Nina.

»Mhm«, sagte Mara.

Später am Nachmittag saßen sie im Kurpark auf einer Bank am Teich, und die Kinder liefen die Runde, und Ella zählte Enten und kam jedes Mal auf eine andere Zahl.

Jakob setzte sich neben Mara, was er sonst nicht tat.

»Kann ich mal telefonieren?«

»Mit Papa?«

»Ja.«

»Klar.« Sie gab ihm das Handy. »Willst du allein?«

Er nickte, stand auf und ging fünf Meter weg, an den Rand des Weges, wo die Edelstahlgeräte standen. Mara sah ihn dort stehen, schmal, mit hochgezogenen Schultern, das Handy am Ohr, und sah, wie er sich mit der freien Hand am Steuerrad festhielt, das kein Steuerrad war, und es langsam hin und her drehte, während er redete.

Sie verstand kein Wort. Sie sah nur, dass es kurz war.

Als er zurückkam, gab er ihr das Handy und setzte sich wieder hin.

»Und?«

»Er hat die Mappe gefunden.«

»Die rote?«

»Ja.«

»Wo war sie?«

»Wo du gesagt hast«, sagte Jakob.

Mara steckte das Handy ein und sah auf den Teich, auf dem eine unbestimmte Anzahl Enten schwamm.

»Und sonst?«

Jakob zuckte mit den Schultern. »Er hat gefragt, wie es ist.«

»Was hast du gesagt?«

»Dass es okay ist.«

»Ist es okay?«

Jakob dachte nach. Er dachte so lange nach, dass Mara schon dachte, er würde nicht mehr antworten.

»Der Hund war gut«, sagte er.

Kapitel 5 – Tag 3, Freitag

Gruppenraum zwei lag im Erdgeschoss und hatte zwölf Stühle, die im Kreis standen, was ungefähr das Schlimmste war, was Stühle tun können.

Mara kam als Vierte. Sie setzte sich auf den Platz mit dem Rücken zum Fenster, weil das der Platz war, von dem aus man die anderen sah, und weil sie irgendwann in ihrem Leben beschlossen hatte, dass sie lieber zusieht als angesehen wird.

In der Mitte stand ein niedriger Tisch. Darauf eine Kanne, Tassen, eine Schale mit Kluntjes und eine Packung Taschentücher, die dort so selbstverständlich stand, dass Mara einen Moment brauchte, um zu registrieren, was das bedeutete.

Nina kam rein, sah den Kreis und blieb stehen.

»Nee.«

»Doch«, sagte Frauka vom Fenster.

»Ich hab gehofft, das ist wie beim Elternabend. Man sitzt an Tischen, man kann was in der Hand halten.«

»Sie kriegen eine Tasse.«

»Eine Tasse ist nicht dasselbe wie ein Tisch.«

»Nein«, sagte Frauka. »Ist es nicht.«

Nach und nach füllte sich der Kreis. Silke kam mit ihrem Klarsichthefter, Bettina mit einem Block, Denise als Letzte und ohne alles. Dazu fünf Frauen, die Mara vom Speisesaal kannte, aber noch nicht zuordnen konnte: eine sehr junge, die aussah, als müsste sie eigentlich noch zur Schule, zwei, die immer zusammen unterwegs waren und beide rauchten, eine große Frau mit Zopf, die Alev hieß, und eine, die sich als Kerstin vorstellte, sehr leise, und sich dann auf den Stuhl direkt neben der Tür setzte.

Jule kam eine Minute zu spät, entschuldigte sich zweimal und setzte sich auf den freien Platz, von dem aus man die Tür sah.

»So«, sagte Frauka. »Moin.«

»Moin«, kam es zurück, ungleichmäßig.

»Das war schlecht. Noch mal.«

»MOIN.«

»Besser.« Frauka setzte sich, schlug die Beine übereinander und sah in die Runde. »Ich mach das seit sechzehn Jahren, und ich sag Ihnen gleich, wie es läuft, dann müssen Sie sich nicht fragen, was jetzt kommt. Wir machen zweimal die Woche eine Runde. Wir sind elf. Was hier gesagt wird, bleibt hier. Das ist keine Floskel, das ist eine Regel, und wenn sich jemand nicht dran hält, bin ich sehr unangenehm.«

»Wie unangenehm?«, fragte Nina.

»Ostfriesisch unangenehm.«

»Das sagt mir nichts.«

»Das merken Sie dann schon.«

Es wurde gelacht, ein bisschen zu laut, wie man lacht, wenn man erleichtert ist, dass jemand die Führung übernimmt.

Sie machten eine Namensrunde. Es dauerte, weil bei jedem Namen ein Ort dazukam und bei jedem Ort eine Anmerkung, und weil Frauka nicht dazwischenging. Mara sagte: Mara, Münsterland, zwei Kinder, neun und vier. Sie hörte sich das sagen und dachte, wie wenig das war für vierzehn Jahre.

Die sehr junge hieß Josi, war zweiundzwanzig, hatte zwei Kinder, drei und fünf und sagte den Satz »Ich weiß, ich seh jünger aus« zwei Sekunden bevor irgendjemand etwas denken konnte.

Kerstin sagte ihren Namen, ihren Ort, und dass sie zwei Töchter habe. Mehr nicht. Sie sah dabei auf ihre Tasse.

Dann wurde es still, und die Stille hatte eine andere Qualität als vorher, weil alle wussten, dass jetzt der Teil kam, wegen dem die Taschentücher auf dem Tisch standen.

»Gut«, sagte Frauka. »Eine Frage. Sie müssen nicht antworten, aber ich frag der Reihe nach, damit sich niemand vordrängeln kann.«

»Vordrängeln«, murmelte Denise.

»Sie werden sich wundern.« Frauka nahm ihre Tasse in beide Hände. »Sie sind seit zwei Tagen hier. In drei Wochen fahren Sie wieder nach Hause. Und ich wüsste gern, was Sie hierlassen wollen.«

Niemand sagte etwas.

»Ich mach es einfacher«, sagte Frauka. »Unten im Ort ist der Hafen. Sie waren vielleicht schon da, sonst gehen Sie mal hin, das lohnt sich, im März ist da nichts los, die Stege leer, bloß Wasser. Stellen Sie sich vor, Sie stehen da am letzten Tag. Und Sie haben etwas dabei, das Sie die ganzen Jahre mitgeschleppt haben. Und Sie können es ins Hafenbecken werfen und ohne das nach Hause fahren.«

Sie sah in die Runde.

»Was werfen Sie rein?«

Die erste, die etwas sagte, war Bettina, und sie sagte es zu schnell, wie jemand, der die Frage vorher gelesen hat.

»Meinen Perfektionismus.«

Frauka nickte, ohne etwas zu sagen.

»Also«, sagte Bettina, »ich mein, ich weiß, das sagen bestimmt alle. Aber bei mir ist es wirklich so. Ich mach mir zu viele Gedanken darüber, ob alles ordentlich ist. Bei den Kindern. Und im Haus. Und, na ja. Überall.«

»Danke«, sagte Frauka.

Sie ging weiter. Alev sagte: »Mein schlechtes Gewissen.« Und dann, nach einer Pause, in die niemand hineinredete: »Ich hab beim Packen geweint, weil ich meinen Großen zu Hause lassen musste. Er ist vierzehn, der wollte gar nicht mit. Und ich hab trotzdem geweint. Und jetzt bin ich hier und hab ein schlechtes Gewissen, dass es mir gut geht.«

»Das ist Tag zwei«, sagte Frauka. »Warten Sie Tag zehn ab. Da ist es schlimmer und danach wird es besser.«

»Toll.«

»Ich sag Ihnen die Wahrheit, nicht das Schöne.«

Josi sagte: »Meine Angst.« Sie sagte nicht, wovor, und Frauka fragte nicht.

Eine der beiden Raucherinnen sagte: »Meinen Rücken«, was dazu führte, dass sechs Frauen gleichzeitig lachten und eine davon sagte, dass sie sich das leihen wolle.

»Dann liegt der Hafen aber voll«, sagte Silke. »Wenn das jede macht.«

»Der Hafen ist tief«, sagte Frauka.

»Der Hafen ist bei Ebbe einssiebzig«, sagte Silke.

»Woher …«, begann Nina.

»Ich hab es gelesen.«

»Natürlich hast du das.«

Als Frauka bei Silke ankam, hob Silke die Hand, halb.

»Ich weiß es noch nicht.«

»Das ist erlaubt.«

»Nein, ich mein, ich weiß es schon«, sagte Silke. »Ich sag es bloß noch nicht. Ich sag es Ihnen am letzten Tag.«

»Abgemacht«, sagte Frauka, und Mara sah, dass sie sich das merkte.

Denise sagte: »Nichts.«

»Nichts?«

»Ich nehm alles wieder mit«, sagte Denise. Sie saß mit dem Rücken durchgedrückt da und sah niemanden an. »Ich kann mir das nicht leisten, hier was liegen zu lassen. Wenn ich das hier ablege und zu Hause ist alles noch da, was soll das dann? Dann steh ich in drei Wochen wieder da, bloß ohne.«

Es war der erste Satz an diesem Morgen, bei dem niemand lachte und niemand nickte.

»Das ist ein sehr guter Einwand«, sagte Frauka ruhig. »Der beste, den ich in diesem Durchgang hören werde. Merken Sie sich den, Frau Freese, wir kommen darauf zurück.«

Denise sah kurz auf, als hätte sie mit Widerspruch gerechnet und nicht mit dem.

Jule war als Achte dran.

»Meine Schreckhaftigkeit«, sagte sie.

Es war ein normales Wort. Es fiel niemandem auf, und warum auch. Es lag zwischen Perfektionismus und schlechtem Gewissen wie eine Münze zwischen anderen Münzen.

»Können Sie das erklären?«, fragte Frauka.

»Nicht so richtig.« Jule lächelte. »Ich erschrecke halt leicht. Wenn hinter mir jemand geht. Wenn das Telefon klingelt. Mein Sohn findet das lustig, der schleicht sich extra an.« Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist wahrscheinlich einfach so eine Sache.«

»Wahrscheinlich«, sagte Frauka.

Und dann war Nina dran.

Nina hatte die ganze Zeit gewippt. Sie hatte mit dem Fuß gewippt, mit dem Becher gespielt, und Mara hatte in den letzten zehn Minuten zweimal gesehen, wie sie Luft holte und es dann doch nicht sagte, was auch immer es war.

»Frau Wolters«, sagte Frauka.

»Ja.«

»Was werfen Sie rein?«

Nina sah auf. Sie sah in die Runde, elf Frauen, die sie seit zwei Tagen kannte, und Mara wusste, ohne es begründen zu können, dass Nina in diesem Moment etwas anderes sagen wollte, etwas über Leon, oder über nachts, oder über die zwei Anrufe, die sie nicht angenommen hatte.

»Meinen Ex«, sagte Nina.

Es dauerte eine Sekunde.

Dann lachte Josi los, dann Nina selbst, dann die beiden Raucherinnen, dann alle, und es war kein höfliches Lachen, sondern das andere, das laute, das man nicht bremsen kann und das eine Weile braucht, bis es sich abbaut, mit Nachbeben, mit einer, die noch mal anfängt, wenn alle fast fertig sind.

»Ist ja auch wahr!«, rief Nina in das Lachen hinein. »Der passt da rein! Der ist nicht mal besonders groß!«

»Frau Wolters«, sagte Frauka.

»Er kann schwimmen! Er kann sehr gut schwimmen! Der macht Triathlon!«

»Frau Wolters.«

»Ich sag ja nur, dass er es überleben würde.«

Frauka wartete, bis es leiser wurde, und Mara sah, dass sie dabei nicht mitlachte, aber auch nicht dagegen arbeitete. Sie ließ es einfach ausrollen wie ein Fahrzeug, dem man den Gang rausgenommen hat.

»Gut«, sagte Frauka dann. »Und wenn ich Ihnen jetzt sage, dass Sie ihn nicht reinwerfen dürfen, weil er nicht zu Ihnen gehört?«

Nina hörte auf zu lachen.

»Was?«

»Er ist nicht Ihr Ballast«, sagte Frauka. »Er ist ein Mensch, der Ihnen das Leben schwer macht, und der wird auch noch da sein, wenn Sie zurückkommen, und Sie werden mit ihm zu tun haben, bis Ihr Sohn achtzehn ist. Sie können ihn nicht loswerden. Also, was von Ihnen wollen Sie loswerden?«

Es wurde sehr still.

»Das ist gemein«, sagte Nina.

»Ja«, sagte Frauka.

Nina sah auf ihre Hände. Sie drehte den Becher zweimal ganz herum.

»Weiß ich noch nicht«, sagte sie dann. »Kann ich das später sagen? Wie Silke?«

»Sie können das später sagen.«

»Am letzten Tag.«

»Am letzten Tag«, sagte Frauka.

Als Mara dran war, hatte sie noch nichts. Sie hatte in den letzten zehn Minuten drei Antworten gehabt und alle drei wieder weggeworfen, weil sie klangen wie etwas, das man auf einer Postkarte liest.

»Frau Petersen.«

»Ja.«

»Was werfen Sie rein?«

Und dann sagte sie es einfach, ohne den Umweg über das Nachdenken, was ihr sonst nie passierte.

»Die Vorstellung, dass ohne mich alles zusammenbricht.«

Sie hörte es sich sagen. Sie hörte, wie es klang, in einem Raum mit elf Frauen und einer Kanne Tee, und sie merkte, dass ihr das Gesicht heiß wurde.

»So hab ich das nicht gemeint«, sagte sie schnell.

»Doch«, sagte Frauka.

»Das klingt, als ob ich mich für wichtig halte.«

»Nein«, sagte Alev von der anderen Seite des Kreises. »Das klingt, als ob du müde bist.«

Und das war der Moment, in dem Mara feststellte, dass sie eine Frau, die sie seit zwei Tagen kannte, gerade genauer verstanden hatte als ihre eigene Mutter am Telefon in den letzten vier Jahren.

Sie sagte trotzdem nichts mehr.

Um Viertel nach elf war es vorbei. Die Frauen standen auf, stellten die Tassen zusammen, redeten alle gleichzeitig, und irgendjemand rief, dass um zwölf Essen sei, was alle wussten.

Nina hakte sich im Rausgehen bei Mara ein.

»Ich hab mich zum Affen gemacht.«

»Alle haben gelacht.«

»Ja, genau. Deswegen.«

An der Tür stand Frauka und sammelte Tassen ein.

»Frau Petersen.«

Mara blieb stehen.

»Sind Sie gut angekommen?«

Es war eine Frage, die man aus Höflichkeit stellt, an der Tür, mit vier Tassen in der Hand, während hinter einem noch geredet wird.

»Ja«, sagte Mara.

»Gut«, sagte Frauka und ging.

Und Mara stand noch einen Moment im leeren Gruppenraum, wo zwölf Stühle in einem unordentlichen Kreis standen, und wusste nicht genau, warum sie das gerade gesagt hatte.

Kapitel 6 – Tag 3, Freitagnachmittag

Rückenschule fand im Gymnastikraum im Souterrain statt, wo es nach Desinfektionsmittel und Gummimatte roch, und wo eine Physiotherapeutin namens Anke stand, die ungefähr dreißig war und einen Körper hatte, der so aussah, als hätte er noch nie ein Kind getragen, weder innen noch außen.

»So«, sagte Anke fröhlich. »Wer hat Rücken?«

Zwölf Hände.

»Wer hat Rücken, seit die Kinder da sind?«

Zwölf Hände.

»Wer hat schon mal jemandem gesagt, dass es nicht schlimm ist?«

Zwölf Hände, und dann Gelächter, das etwas Erschöpftes hatte.

Sie legten sich auf Matten. Anke redete über den Beckenboden, was Mara aus mehreren Rückbildungskursen kannte, in denen sie damals mit einem Baby auf dem Bauch gelegen und über Einkaufslisten nachgedacht hatte. Sie redete über das Kreuzbein und über etwas, das Ansteuerung hieß und offenbar bedeutete, dass man einen Muskel bewegen sollte, den man nicht sehen konnte.

»Und jetzt: nur der linke Beckenkamm. Nur der. Nicht der Bauch.«

Neben Mara stöhnte Silke.

»Ich hab dreißig Jahre Kühe geschoben«, sagte sie in die Matte. »Ich weiß nicht, was ein Beckenkamm ist.«

»Der ist da, wo Sie die Hand haben.«

»Ich hab die Hand am Hintern.«

»Dann sind Sie zu weit unten.«

»Ich bin seit vierzig Jahren zu weit unten.«

Mara lachte in ihre Matte hinein, und die Frau auf der anderen Seite lachte auch, und Anke sagte, das sei völlig in Ordnung, Lachen sei Beckenbodentraining, was dazu führte, dass sofort alle aufhörten.

Danach war Pause. Mara und Silke saßen auf der Bank vor dem Gymnastikraum und tranken Wasser aus Bechern, die zu klein waren.

»Du warst schon mal in Kur«, sagte Mara.

»Woher weißt du das?«

»Du weißt, wo alles ist. Du wusstest gestern, wo die Handtücher liegen.«

»Ich hab gefragt.« Silke drehte den Becher in der Hand. »Und ja. Einmal. Vor sechs Jahren, auf Langeoog. Mit Merle, die war da vier.«

»Und?«

»Und ich hab damals viel geheult und wenig verstanden.« Sie sagte es ohne Bitterkeit, so wie sie alles sagte. »Ich hab damals gedacht, wenn ich das hier durchziehe, dann bin ich hinterher jemand anders. Und dann kam ich nach Hause, und nach vierzehn Tagen war alles genau wie vorher, und ich hab gedacht, ich hab es falsch gemacht.«

»Und?«

»Und diesmal will ich es richtig machen.« Silke sah geradeaus. »Deswegen der Ordner.«

Mara sagte nichts.

»Du guckst wie alle«, sagte Silke.

»Ich guck nicht.«

»Doch. Alle gucken so auf meinen Ordner. Nina hat schon dreimal gefragt, ob ich für die Kur einen Projektplan gemacht hab.« Sie trank. »Hab ich natürlich.«

»Zeig mal.«

»Nee.«

»Wirklich?«

Silke sah sie von der Seite an, dann seufzte sie, zog den Hefter aus der Tasche und klappte ihn auf. Ganz vorn steckte der Therapieplan, dann eine Karte vom Ort, dann ein Ausdruck, auf dem Zahlen in zwei Spalten standen.

»Was ist das?«

»Gezeiten.« Silke fuhr mit dem Finger die Spalte runter. »Hochwasser, Niedrigwasser. Für die ganzen drei Wochen. Das hab ich zu Hause ausgedruckt.«

»Warum?«

»Weil man sonst mit vier Kindern am Strand steht und der Strand ist weg.«

»Der Strand ist doch nicht weg.«

»Doch. Genau das ist es ja. Zweimal am Tag ist da Wasser, wo eben noch Sand war, und zweimal am Tag ist da Sand, wo eben noch Wasser war, und das dauert jeden Tag fünfzig Minuten länger als am Tag davor.« Silke tippte auf das Blatt. »Das ist das Einzige hier, was sich an einen Plan hält. Ich finde das beruhigend.«

Mara sah auf die Zahlenkolonnen. Es sah aus wie ein Fahrplan für etwas, das keinen Fahrer hatte.

»Und wenn du am Freitag um vier ans Wasser willst?«

»Dann guck ich nach.« Silke klappte den Hefter zu. »Und meistens geht es nicht, und dann geh ich um sechs.«

Am Abend telefonierte Mara zum ersten Mal richtig nach Hause, und es fing an wie immer.

»Habt ihr gegessen?«

»Ja.«

»Was?«

»Nudeln.«

»Mit was?«

»Mit Soße, Mara.«

»Welcher.«

»Mit der aus dem Glas, die du gekauft hast, damit ich sie benutze.«

Sie machte den Mund auf, um zu sagen, dass die aus dem Glas für den Notfall war und dass im Gefrierschrank drei Portionen Bolognese lagen, beschriftet, mit Datum, und dann machte sie ihn wieder zu.

»Okay«, sagte sie.

»Okay?«

»Ja.«

»Du sagst okay

»Sebastian.«

»Ich frag ja nur.« Er klang belustigt und irgendwie auch vorsichtig. »Mutti war heute da.«

Deine Mutter, dachte Mara. Sie sagte es nicht. Sie sagte es seit vierzehn Jahren nicht.

»Und?«

»Sie hat die Hemden gebügelt.«

»Sie soll nicht bügeln, sie hat die Schulter.«

»Ich hab es ihr gesagt.«

»Und?«

»Sie hat gebügelt.«

Mara lehnte die Stirn ans Fensterglas. Draußen war nichts zu sehen außer der Spiegelung des Flurs und, weit hinten, ein einzelnes Licht auf den Wiesen, das vermutlich zu einem Hof gehörte.

»Und Jakob?«, fragte Sebastian.

»Was ist mit Jakob?«

»Er hat gestern angerufen. Vom Spielplatz oder so. Er hat gesagt, es ist okay.«

»Das hat er mir auch gesagt.«

»Ja, aber ich mein, er hat angerufen. Er ruft sonst nie an. Der schreibt nicht mal.«

Mara richtete sich auf.

»Was hat er noch gesagt?«

»Nicht viel. Er hat gefragt, ob ich seinen Fußball rausgelegt hab für Freitag, weil da doch Training ist, und ich hab gesagt, er ist ja gar nicht da, und dann war er kurz still und dann hat er gesagt, ja stimmt.« Sebastian machte eine Pause. »Und dann hat er gefragt, ob ich die Mappe gefunden hab.«

»Die rote.«

»Ja.«

»Er hat für mich gefragt«, sagte Mara.

»Ja«, sagte Sebastian. »Hab ich auch gedacht.«

Sie standen beide eine Weile in ihren jeweiligen Fluren, achtundzwanzig Kilometer, nein, zweihundert und irgendwas Kilometer voneinander entfernt, und sagten nichts.

»Mara.«

»Ja.«

»Schreib mir keine Liste mehr.«

»Ich hab keine geschrieben.«

Es war gelogen. Sie hatte am Nachmittag auf der Rückseite des Therapieplans angefangen, eine zu machen. Zahnarzt Ella verschieben. Kluge Freitag. Trikot Größe 152. Sie hatte sie dann in den Reißverschluss der Tasche gesteckt, in das kleine Fach, in dem sonst Pflaster waren.

»Gut«, sagte Sebastian. »Dann ist ja gut.«

Nach dem Telefonat ging sie noch mal nach unten, weil sie im Aufenthaltsraum ein Rascheln gehört hatte und weil sie schlecht Nein zu sich selbst sagen konnte.

Am großen Tisch saßen Silke, Nina, Bettina und Denise. Auf dem Tisch lag ein Zettel.

»Da«, sagte Nina und schob ihn rüber. »Unterschreib.«

Ausflug Langeoog, Sonntag. Abfahrt Fähre 9:30 Uhr. Rückfahrt ab Inselbahnhof 14:00 Uhr. Bitte bis Samstagmittag eintragen. Fahrkarten werden gesammelt bezahlt. Feste Schuhe, warme Sachen, Wechselklamotten für die Kinder.

Darunter standen schon elf Namen.

»Sonntag?«, sagte Mara. »Ich dachte, Sonntag ist frei.«

»Sonntag ist frei«, sagte Silke. »Deswegen macht man ja was.«

»Halb zehn ist spät für eine Fähre.«

»Halb zehn ist die Erste«, sagte Silke. »Sonntags. Unter der Woche fährt schon eine um Viertel vor sieben, aber in der sitzt kein Mensch, der da Urlaub macht. Das sind die, die auf der Insel arbeiten. Handwerker, Küchenkräfte, so was. Die fahren morgens rüber und abends wieder zurück.«

»Woher weißt du das?«

»Es hängt am Anleger«, sagte Silke. »Ich war heute da.«

»Sie war heute da«, sagte Nina zu Mara. »Wir sind seit zwei Tagen hier und sie war heute schon am Anleger.«

»Ich wollte wissen, wo er ist.«

»Wo was ist?«

»Der Anleger«, sagte Silke geduldig. »Damit ich Sonntag nicht suchen muss.«

Denise, die bis dahin nichts gesagt hatte, zog den Zettel zu sich rüber und schrieb ihren Namen darauf, in großen, ungelenken Buchstaben, wie jemand, der selten unterschreibt.

»Mit den Zwillingen?«, sagte Bettina, und es war nicht böse gemeint, aber es kam so an.

»Ja«, sagte Denise. »Mit den Zwillingen.«

»Ich mein bloß, auf einem Schiff.«

»Auf einem Schiff kann man nicht weglaufen«, sagte Denise. »Das ist der beste Ort der Welt für Dreijährige.«

Es wurde kurz still, und dann fing Nina an zu lachen, und Silke sagte »Da hat sie nicht unrecht«, und Bettina schrieb ihren eigenen Namen unter Denises, ohne noch etwas zu sagen.

Mara nahm den Stift.

Als sie unterschrieb, fiel ihr auf, dass Jules Name nicht auf dem Zettel stand.

»Kommt Jule nicht mit?«

»Sie hat gesagt, sie überlegt«, sagte Nina. »Sie hat gesagt, Matti wird auf Schiffen schlecht.«

»Wird er das?«

Nina zuckte mit den Schultern. »Woher soll ich das wissen. Ich kenn sie seit Mittwoch.«

Später, im Zimmer, lag Mara wach und hörte den Kindern beim Atmen zu, Ella schnell und flach, Jakob langsam. Irgendwo im Haus lief noch ein Fernseher, gedämpft, und einmal ging jemand über den Flur und blieb kurz stehen, als hätte er etwas vergessen, und ging dann weiter.

Sie dachte an den Ausdruck mit den zwei Spalten. Hochwasser, Niedrigwasser, jeden Tag fünfzig Minuten später.

Es war das Erste seit Mittwoch, worüber nachzudenken sich nicht anfühlte wie Arbeit.

Kapitel 7 – Tag 4, Samstag

Am Samstagvormittag brachen sie zu fünft auf, wenn man die Kinder mitzählte, zu zwölft.

Es dauerte vierzig Minuten, bis alle draußen waren. Zwanzig davon gingen für Bettina drauf, die zweimal wieder hochlief, einmal für Konstantins zweite Mütze und einmal für etwas, das sie nicht erklärte.

»Sonnencreme«, sagte sie, als sie das zweite Mal zurückkam.

»Bettina.«

»Am Wasser ist die Strahlung höher.«

»Es ist März«, sagte Nina. »Es sind sieben Grad. Der Himmel sieht aus wie eine Waschmaschine von innen.«

»Trotzdem.«

Sie cremte Konstantin ein. Dann sah sie Ella an, die sofort das Gesicht hinhielt, weil Ella grundsätzlich alles hinhielt, was jemand einzucremen bereit war, und Mara sagte nichts dagegen, und danach war Bettina zufrieden.

Sie wollten sich den Hafen ansehen, weiter nichts. Morgen fuhr die Fähre, heute wollten sie nur einmal gucken, wo man morgen einsteigt, weil Silke gesagt hatte, dass man das vorher gemacht haben sollte, wenn man mit acht Kindern reist.

Sie gingen den Weg, den sie inzwischen alle im Schlaf konnten: den Pfad, die Seestraße, an der Therme vorbei. Aber statt weiter ins Dorf bogen sie in den Kurpark ab.

»Rechtsrum«, sagte Silke.

»Warum rechtsrum?«

»Weil man da hinten wieder rauskommt.«

Sie gingen rechts um den Teich und verließen den Park an einem Ausgang, den Mara bis dahin nicht bemerkt hatte. Dahinter lag eine kurze Steigung, und dann standen sie oben auf dem Deich.

Der Wind war eine andere Kategorie hier oben.

Links unten lagen die Dächer des Ortes, rechts das Watt, und ein Stück weiter vorne, ungefähr hundertfünfzig Meter, wurde es unten breiter und heller, und da war Wasser, das nicht das Meer war.

Sie folgten dem Deich, bis rechts ein Weg hinunterführte.

Und dann standen sie am Hafen.

Mara hatte etwas anderes erwartet. Sie hatte Masten erwartet, Boote, Taue, Möwen auf Pollern, dieses ganze Bild von Postkarten und Krimis im Fernsehen.

Sie sah zwei Dinge gleichzeitig, und das eine war voll und das andere war leer.

Voll war die rechte Seite. Da lag der Fähranleger, und das war keine Bushaltestelle mit Steg, sondern eine Anlage. Ein breiter Betonkai, eine Rampe, und daneben ein Gebäude, das größer war als das Rathaus im Nachbarort ihrer Eltern. Drei Schalter, an denen man Tickets bekam. Eine Halle, in der bei Regen dreihundert Menschen stehen konnten, ohne sich zu berühren. Ein Restaurant. Sonst nichts, und das war auch nicht nötig.

Rechts vom Anleger, dahinter, lag ein Parkplatz, der nicht aufhören wollte. Reihe um Reihe, fast leer an diesem Samstag, Platz für Hunderte.

»Die Inselparkplätze«, sagte Silke. »Wer nach Langeoog fährt, stellt sein Auto hier hin. Für eine Woche, für zwei. Im Sommer ist das hier voll bis hinten.«

Und rechts an dem großen Gebäude vorbei, hinter dem Parkplatz, ging ein Weg weiter, an dem ein Schild stand.

»Wo geht der hin?«, fragte Jakob.

»Naturstrand«, las Silke. »Da war ich vorgestern. Das ist ein Stück zu laufen, und dann kommst du raus und es ist einfach nur Strand. Keine Körbe, keine Bude, nichts. Hunde dürfen da, wenn sie an der Leine sind.«

»Ist da keiner?«

»Fast keiner«, sagte Silke. »Ich hab in einer Stunde vier Leute getroffen, und zwei davon waren derselbe Mann, der zurückkam.«

Und dahinter, an der Kaikante, lag ein Schiff, das wirklich ein Schiff war, weiß, mit einem orangefarbenen Aufbau.

»Da fährt sie morgen«, sagte Silke.

»Die ist ja riesig.«

»Achthundert Leute passen da drauf.«

»Und die Autos?«

»Es gibt keine Autos«, sagte Silke. »Auf Langeoog gibt es keine. Das ist der Witz an der Insel.«

»Und wie kommt das Zeug dahin?« Nina zeigte auf das Schiff. »Es muss ja irgendwie hin. Die haben da einen Supermarkt.«

»Mit dem Frachtschiff. Extra. Die packen alles in so Rollcontainer, und drüben ziehen die das mit Elektrokarren zum Bahnhof.«

»Es gibt einen Bahnhof?«

»Es gibt eine Inselbahn«, sagte Silke. »Vom Hafen in den Ort. Sieben Minuten.«

Nina sah sie an.

»Ich hab gestern am Anleger gestanden«, sagte Silke. »Da hängt alles aus.«

Leer war die linke Seite.

Dort, wo im Sommer der Yachthafen lag, war Wasser und sonst nichts. Kein einziges Segelboot, keine Stege, keine Fahnen. Nur eine große, ruhige, braungraue Fläche, an deren Rändern Schlick lag, glänzend und schwarzgrau.

»Wo sind die ganzen Segelboote?«, fragte Merle.

»Im Winterlager«, sagte Silke.

»Wo ist das?«

»Auf dem Trockenen. Die stehen irgendwo auf einem Hof auf Böcken und werden gestrichen.«

»Und wo liegen die dann, wenn sie wiederkommen?«

»Da drüben. Nur ist da jetzt nichts.« Silke zeigte über das Wasser. »Der ganze Yachthafen wird jedes Jahr abgebaut. Die Stege liegen den Winter über an Land und werden im April wieder reingesetzt. Steht auf dem Schild da hinten, ich hab es vorhin gelesen.«

»Natürlich hast du«, sagte Nina.

Weiter hinten, an der langen Kaimauer auf der anderen Seite des Beckens, lagen ein paar Boote, dick vertäut und offensichtlich seit Wochen unbewegt. Eines davon war ein Kutter, breit und gedrungen, mit hohen Auslegern, an dessen Bug in weißen Buchstaben Möwe stand.

»Mit dem kann man raus«, sagte Silke. »Krabben fischen. Seehunde gucken.«

»Jetzt?«, fragte Merle.

»Nicht jetzt. Wenn Saison ist.«

»Wann ist Saison?«

»Wenn Leute da sind«, sagte Silke. »Also nicht wir.«

Ella zog an Maras Hand. »Wo ist das Meer?«

»Da draußen.«

»Da ist doch kein Meer.«

»Weiter draußen.«

»Da ist Matsch.«

»Das ist Watt«, sagte Silke. »Das ist das Meer, das gerade woanders ist.«

Ella dachte darüber nach und akzeptierte es offenbar besser als die Erklärung mit dem Deich.

Die Kinder fanden die Steine, was Kinder immer tun.

Es war die Stelle gleich neben dem Fähranleger, wo das Ufer nicht senkrecht abfiel, sondern schräg: eine Böschung aus großen, grauen Steinen, die in Stufen hinunterlief, jeder Stein so groß wie ein Sitzkissen, alle unregelmäßig, mit Fugen dazwischen. Unten hörten die Steine auf, und dann kam Schlick, und dann kam Wasser.

Es war der einzige Ort im ganzen Hafen, an dem man ans Wasser kam, ohne zu springen.

»Nicht runter«, sagte Bettina sofort.

»Die gehen nicht runter«, sagte Denise.

»Da ist kein Geländer.«

»Da ist nie ein Geländer.«

Sie ließen sie oben werfen. Es gab die Kategorie Weit, vertreten durch Konstantin, und die Kategorie Groß, vertreten durch Leon, der einen Stein trug, den er kaum heben konnte, und ihn schließlich mit beiden Händen über die Kante fallen ließ, was einen sehr befriedigenden Ton ergab.

»Da würde ich keinen von denen alleine hinlassen«, sagte Bettina.

»Warum nicht?«, fragte Nina. »Da ist doch kaum Wasser.«

»Guck dir die Steine an.«

Und daran, dachte Mara später, war überhaupt nichts falsch. Bettina hatte an einem Samstagvormittag im März gesagt, was ungefähr jede Mutter gesagt hätte, die eine schräge Böschung aus nassen Steinen sieht.

»Wie tief ist das eigentlich da unten?«, fragte Nina.

»Kommt drauf an, wann«, sagte Silke.

»Silke.«

»Ich mein das ernst.« Silke stellte sich neben sie und zeigte. »Guck mal die Wand an, da drüben, bei den Arbeitsbooten. Siehst du den Streifen?«

Es war nicht zu übersehen, wenn man einmal darauf geschaut hatte. Die Kaimauer war unten dunkel, fast schwarz, mit einem Bewuchs, der aussah wie nasser Filz, und dann kam eine Linie, und darüber war der Beton hell und trocken.

»Bis da hoch steht das Wasser bei Hochwasser«, sagte Silke. »Und jetzt steht es da unten. Das sind gute zweieinhalb Meter.«

»In sechs Stunden?«

»In sechs Stunden.«

»Zweieinhalb Meter«, wiederholte Nina. »Jeden Tag. Zweimal.«

»Zweimal.«

»Und hier bei den Steinen?«

»Hier ist es flach«, sagte Silke. »Hier ist am Rand nie viel Wasser. Bei Ebbe siehst du bis unten hin Schlick, und bei Flut steht es bis da oben, ungefähr an den dritten Stein.«

Nina sah in das Becken hinunter, in dieses trübe, ruhige Wasser, das aussah, als würde es nie irgendwohin gehen.

»Ich finde das gruselig«, sagte sie.

»Ich finde es ordentlich«, sagte Silke.

Jakob warf nicht.

Jakob saß auf einem Poller, ein Stück abseits, und sah zu, wie die Ringe im Wasser größer wurden und wieder verschwanden. Mara ging hin und setzte sich auf den Poller daneben, der kalt war und nach Teer roch.

»Willst du nicht?«

»Nee.«

Sie saßen eine Weile.

»Wo geht das hin?«, fragte Jakob dann und zeigte auf die Öffnung am Ende des Beckens, wo eine Brücke war und darunter etwas Massives, Graues aus Beton und Stahl.

»Weiß ich nicht.«

»Silke weiß es bestimmt.«

»Silke weiß alles.«

Jakob stand auf und ging zu Silke, was Mara überraschte, weil Jakob normalerweise lieber unwissend blieb, als einen Erwachsenen anzusprechen.

Silke erklärte es ihm. Mara hörte nur Fetzen: dass das Sieltor sei, dass dahinter das Land liege, das tiefer sei als das Meer, dass das Wasser aus dem Land in den Hafen laufe und von dort weiter in die Nordsee, aber nur dann, wenn draußen Ebbe sei, und dass die Tore zugingen, wenn das Meer kam, sonst würde alles volllaufen.

»Und wenn die kaputtgehen?«, fragte Jakob.

»Dann ist hier alles Wasser.«

Ende der Leseprobe

Wie weit das Wasser reicht, ist damit geklärt.
Fast alles andere noch nicht.

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